Sonntag, 4. August 2013

Vor- und Nachteile - Vorzeitig in den "Ruhestand", Teil 2

Im ersten Teil der Artikelserie "Vorzeitig in den "Ruhestand"" hatte ich die Thematik eingegrenzt. Denn es geht hier um Personen, die lange vor dem eigentlichen Renteneintrittsalter in der Lage sind, genug Einkünfte zu erhalten ohne dafür einen Beruf auszuüben.
Im nun folgenden zweiten Teil betrachten wir die Vor- aber auch Nachteile, wenn man bereits im mittleren Alter keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgeht.
In der Überschrift habe ich den Begriff Ruhestand bewusst mit Anführungszeichen verwendet, denn darunter verstehen viele den letzten Lebensabschnitt in einem hohen Alter und mit zahlreichen Krankheiten. Im Grunde ist der Begriff "Ruhestand" oder "vorzeitig in Rente" nicht ganz zutreffend. Gemeint sind hier Menschen, die durchaus noch fit und vital sind, aber aus finanzieller Sicht in der Lage sind einen alternativen Weg zur Lebensgestaltung zu wählen.

Zunächst einmal möchte ich gängige Meinungen, teilweise Klischees aufzählen und einige davon anschließend kommentieren bzw. erläutern.

Vorteile eines vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben
Für die meisten Menschen sind die Vorteile klar im Vordergrund, als da wären:
  • morgens ausschlafen
  • den Tag ohne Pflichtprogramm angehen können
  • keine Vorgesetzten, denen man zu folgen hat
  • keine anstrengenden Kunden, die bedient werden möchten
  • mögliche psychische und körperliche Erschöpfung lässt erheblich nach
  • freie Entscheidung über Freizeitaktivitäten und Reisen
  • genug Zeit sich um Hobbys oder eigene Projekte zu kümmern

Zunächst einmal überwiegt nach dem kompletten Ausstieg aus dem aktiven Erwerbsleben der Urlaubseffekt. Das morgendliche Ausschlafen trägt sicherlich zur Gesundheit bei, ebenso wie der nicht mehr vorhandene Druck Termine einzuhalten und funktionieren zu müssen. Statt sich mit möglicherweise unangenehmen Kunden oder Vorgesetzten auseinanderzusetzen, fährt man bei schönem Wetter ans Meer oder in die Berge. Sofern Jahreszeit oder Wetter nicht passen, wird ein Flug in die sonnige Wärme gebucht. Was mit eigenen Projekten gemeint ist, erfahren Sie weiter unten im Artikel (Vorzeitiger "Ruhestand" in der gelebten Praxis).


Nachteile eines vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben
Es gibt aber durchaus auch mögliche Nachteile, die vielen nicht so geläufig sind:
  • man fühlt sich von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht
  • es ist schwerer Selbstbestätigung zu empfinden
  • soziale Kontakte zu Arbeitskollegen fallen weg
  • Gefahr der fehlenden aktiven Weiterbildung und geistigen Forderung, Stichwort: wer rastet der rostet
  • Gefahr der sozialen und gesellschaftlichen Isolation
  • es gibt keinen verpflichtenden Tagesrhythmus mehr
  • fehlende wöchentliche Zeitstruktur

Spätestens nach einigen Wochen kann der Freude über den Urlaubseffekt Ernüchterung folgen. Dies trifft umso mehr auf diejenigen zu, die gewohnt sind von "extern" Tagesablauf und Tätigkeiten nahegelegt zu bekommen, also einer eher ausführenden Tätigkeit nachgegangen sind.
Dabei kann es sein keine Selbstbestätigung und keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft zu empfinden. Auch die Gefahr der gesellschaftlichen Isolation ist höher als zuvor, wenn außerhalb des Berufes nur wenig soziale Kontakte vorhanden waren.
Ein großes Risiko besteht zudem sich nicht mehr aktiv weiterzubilden und Gefahr läuft, zum Beispiel einen Großteil des Tages vor dem Fernseher zu verbringen.

Weniger gefährdet sind Menschen, die es gewohnt sich sich selbständig Aufgaben erschaffen und Aktivitäten eigenständig organisieren sowie durchführen können. Wer im aktiven Berufsleben seine Aufgaben quasi selbst definieren musste und aktiv mitgestalten konnte, wird im "Ruhestand" auch leichter sein Leben progressiv gestalten können.

Eine Bemerkung noch: Besonders, wenn der Ruhestand nicht gewollt war, stellt er einen sozialen und psychischen Bruch im Leben dar. Die Tätigkeiten und Aktivitäten, die einen den Großteil des Tages gefüllt hatten, brechen plötzlich weg, ebenso wie die Kontakte zu den Berufskollegen. Andere soziale Kontakte müssen nun aktiviert oder neu intensiviert werden. Die aktive berufliche Arbeit hatte nicht nur finanzielle Bedürfnisse befriedigt, sondern auch noch zusätzliche Aspekte wie Verantwortung übernehmen, Selbstbestätigung, Tagesrythmusgestaltung, Kontakte, Kreativität und Freude abgedeckt. Mit dem Eintritt in den Ruhestand ist man gezwungen, die Erfüllung dieser Motive woanders zu erlangen.
Dies gelingt am besten, wenn der vorzeitige Ruhestand bewusst sowie wohldurchdacht gewählt wird und wenn man ausreichend eigenen Ideen und Aktivitäten entwickelt.

Die hier gelisteten Vor- und Nachteile sind sicher nicht vollumfänglich genannt, falls Ihnen noch weitere einfallen, dann schreiben Sie diese gerne hier als Kommentar.


Vorzeitiger "Ruhestand" in der gelebten Praxis

Teilzeitbeschäftigung
Zwischen den beiden extremen Möglichkeiten - voll im Berufsleben und völlig beschäftigungslos - gibt es jede erdenklichen Zwischenformen als Teilzeitregelung. Sobald jemand merkt, dass er wegen des Geldes nicht mehr zwingend arbeiten muss, ihm die Arbeit dennoch Spaß bereitet, lassen sich in vielen Fällen Teilzeitregelungen finden. So könnte man mit seinem Vorgesetzten darüber sprechen, ob man einen Tag pro Woche weniger zur Arbeit geht oder ob eine 2-3 Tage Woche auch im Interesse des Arbeitgebers ist. Schon einen Tag weniger ins Büro zu gehen (zum Beispiel Freitag oder Montag), könnte bereits ein regelmäßig langes Wochenende bedeuten. Anderseits bleibt eine gewisse zeitliche Struktur pro Woche ebenso erhalten wie die sozialen Kontakte mit Kollegen und die eigene regelmäßige geistige Forderung. Auch das Gefühl nicht mehr "gebraucht" zu werden, entfällt bei der Variante der Teilzeitarbeit.
Der Austritt aus dem aktiven
Erwerbsleben kann durchaus
auch Nachteile mit sich
bringen und sollte gut
durchdacht sein.
Es gibt jedoch auch Fälle, bei denen eine Teilzeitregelung nicht in Frage kommt. Dies könnte zum Beispiel bei Führungskräften der Fall sein. Es ist nachvollziehbar, dass ein Regionalleiter oder Geschäftsführer kaum nur für zwei Tage pro Woche in einer Firma arbeiten kann. Die Zeit dürfte in den meisten Fällen nicht ausreichend sein, um die Aufgaben adäquat wahrzunehmen. Wobei es sich selbst hier lohnen kann zu besprechen, ob es Möglichkeiten der weiteren Zusammenarbeit gibt.
Schwierig ist die Situation, wenn man mit dem Beruf oder Personen in Schlüsselpositionen im Unternehmen generell nicht mehr zurecht kommt. Hier ist in der Regel ein komplettes Ausscheiden die beste Variante. Das trifft übrigens auch in den Fällen zu, in denen man noch keine finanzielle Unabhängigkeit/Freiheit erreicht hat.

Nicht profitable Selbständigkeit oder ehrenamtliche Tätigkeit
Die Mehrheit der Menschen, die sehr frühzeitig aus dem gewohnten aktiven Erwerbsleben aussteigen suchen sich neue Aufgaben in einer Selbständigkeit. Denn wer es geschafft hat mit dem Geld auszukommen ohne zwingend in einem Beschäftigungsverhältnis zu sein, wird wohl auch weiterhin aktiv sein. Für ein paar Tage oder Wochen mag es ganz angenehm und bequem zu sein, den Großteil seiner neu gewonnenen Freizeit an einem Strand in der Sonne, im eigenen Garten oder vor dem Fernseher zu verbringen. Aber irgendwann wird dieses Leben langweilig und die frischen Privatiers suchen sich neue Aufgaben. Das schöne an dieser Situation ist der nicht vorhandene finanzielle Druck. Die neuen Aufgaben können ehrenamtlicher Natur sein (weil man sich für die Sache einsetzen möchte oder es sein eigentliches Hobby ist) oder wirklich eine eigene Selbständigkeit. Im letzteren Fall kann daraus möglicherweise ein Geschäftsmodell werden, muss es aber nicht. Vielleicht hat man einfach Spaß an einer Sache, die zwar nicht profitabel ist, aber möglicherweise ein paar hundert Euro zusätzlich pro Monat einbringt.

Profitable Selbständigkeit
Wer zuvor Vollzeit beschäftigt war, hat im vorzeitigen "Ruhestand" nun plötzlich sehr viel Zeit zur Verfügung. Daher ist es durchaus nicht abwegig, dass aus der eher hobbymäßigen Beschäftigung in einer Selbständigkeit im Laufe der Jahre ein profitables Geschäftsmodell erwächst. Zwar steckt kein finanzieller Druck dahinter, aber da viel Zeit zur Verfügung steht, kann man sich in Ruhe immer mehr Know-how aneignen und viel ausprobieren. Steckt viel Herzblut in diesem Projekt, so ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht so gering mittel- und langfristig Erfolg zu haben. Allerdings kann dies bedeuten, sich nicht mehr im "Ruhestand" zu sein, sondern irgendwann wieder voll im täglichen Geschäftsleben hineinzurutschen.

Beispiele aus dem Sport
Möglicherweise kennen Sie keine Beispiele für die genannten Varianten in Ihrem Bekanntenkreis. Dann interessieren Sie sich für einige prominente und früher erfolgreiche Sportler, die ihre aktive Laufbahn beendet haben. Damit meine ich nicht irgendwelche Affären oder "Skandale", über die gerne in der Regenbogenpresse berichtet wird. Sondern welche gesellschaftlichen und beruflichen Aktivitäten diese Personen heute nachgehen. (Kleine Bemerkung am Rande: Ich gebe zu, dass diese Recherche durchaus aufwändiger ist als die anderen Themen aus der Regenbogenpresse zu erfahren. Daran sieht man leider, was in der breiten Bevölkerung auf größeres Interesse stößt.)
Dabei sind sicherlich nicht alle ehemals erfolgreichen Sportler auch anschließend erfolgreich. Bei einigen sind die oben genannten negativen Folgen deutlich zu sehen, wenn sie keine echten Verpflichtungen mehr nachgehen müssen. Gerade über dieses Fälle ist in den Medien häufiger zu hören/lesen.
Und nicht nur das, in einigen Fällen, vor allem wenn die finanzielle Kompetenz fehlt, wird selbst von ehemaligen Spitzensportlern oder prominenten Leuten aus anderen Branchen dauerhaft mehr Geld ausgegeben als verfügbar ist und das führt über kurz oder lang in eine Schuldenspirale und nachfolgend oft in die Armut.


Das war der zweite Teil der Serie "Vorzeitig in den "Ruhestand"". Dabei konnten wir sehen, dass ein Ausscheiden aus dem aktiven Erwerbsleben durchaus auch Risiken haben kann, die nicht in erster Linie finanziell begründet sind.
Die weiteren Teile dieser Artikelserie (es werden insgesamt mindestens fünf) befassen sich mit folgenden Themen:
Weiter geht es mit dem Teil 3 über Einkünfte, die überwiegend passiver Natur sind. Auch dort gibt es einige Punkte zu beachten, die im Vorfeld durchdacht und überprüft werden sollten.

Zum Weiterlesen:

Kommentare:

  1. Ich kann das hier Geschriebene im Grossen und Ganzen nur bestätigen. Ich geniesse ja nun schon seit fast zwei Jahren der Status des "Privatiers" und könnte sowohl von den hier beschriebenen Vorteilen, als auch noch den Nachteilen berichten.
    Ich habe mich allerdings in meinem eigenen Blog bewusst (fast) nur auf die finanziellen Aspekte des vorzeitigen Ausstiegs aus dem Berufsleben konzentriert. Insofern finde ich es besonders gut, dass hier auch einmal ein paar andere Auswirkungen thematisiert werden!

    Ergänzen würde ich in der Liste der potentiellen Problemfelder (ich würde es nicht unbedingt "Nachteile" nennen), dass das Zusammenleben mit dem Lebenspartner (soweit vorhanden) auch erst einmal neu eingeübt werden muss. Das klappt auch nicht immer so ganz reibungslos.

    ABER: Wie bei allen der - im Übrigen sehr gut erkannten - Problemfelder sollte man sich auch immer vor Augen halten, dass diese ohnehin irgendwann auf jeden zukommen. Es sei denn, man hätte vor, sich bis zum Ableben in seine Arbeit verkriechen zu wollen. Und wenn diese Fragen ohnehin irgendwann zu lösen sind, warum dann nicht so schnell wie möglich ? Mit 55 Jahren findet man für manches vielleicht noch besser eine Lösung als mit 67 Jahren.

    Für mich überwiegen die Vorteile auf jeden Fall ganz deutlich den evtl. Problemen. Wobei ich auch manche der aufgeführten Punkte für mich selber gar nicht als Problem empfinde. Wie Lars schon richtig geschrieben hat, kommt es auch immer darauf an, inwieweit man schon vorher ein (weitgehend) selbst bestimmtes Leben geführt hat.

    Gruß, Der Privatier

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    1. Danke für den eigenen Erfahrungsbericht und der Ergänzung des veränderten Zusammenlebens mit dem Lebenspartner. Das kann durchaus eine Umstellung sein, wenn jemand nicht mehr fünf Tage pro Woche aus dem Haus ist.
      Potentielle Problemfelder klingt ebenfalls gut!

      VG
      Lars

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  2. Jeder Arbeitnehmer hat ein Recht auf Teilzeit. - Unter bestimmten Voraussetzungen/Bedingungen.
    https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/a263-teilzeit-alles-was-recht-ist.pdf?__blob=publicationFile

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